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Interview mit Leo Visscher und Dietrich Lohmeyer

Veröffentlicht am 27 Januar 2012 14:37, aktualisiert am 27 Januar 2012 16:55 (1817 mal angesehen) 0Kommentare

BentBlog befragte Leo Visscher von Alligt und Dietrich Lohmeyer von Akkurad

BentBlog: Leo, Du produzierst mit deiner Firma Alligt alle möglichen Teile für Liegeräder. Das bekannteste Produkt aus deinem Hause ist aber sicher das Alleweder. Wie kam es dazu, dass du die Produktion dieses Velomobils von Nico Pluimers (der es seinerseits zusammen mit Lohmeyer vom Alleweder-Erfinder Bart Verhees übernahm) übernommen hast?

Leo: Ich habe damals schon Liegezweiräder hergestellt und fand es interessant, weil es technisch eine große Herausforderung war. Nach mehreren Jahren Zweirädern konnte man hier noch neue Dinge, nun eben für Dreiräder entwickeln. Heute klingt die Entwicklung eines Vierrades für mich interessant. Ich bin ein technischer Mensch. Es macht mir Freude, mit meinen Händen etwas zu schaffen was ich mit meinem Kopf erdacht habe.

BentBlog: Heißt das, Du hast ein Vierrad in Planung?

Leo: Ja, seit zwei Jahren ist ein Prototyp in meinem Kopf aber mangels Zeit noch lange nicht fertig. Meine ersten Überlegungen nahmen das Vorderteil eines A6 als Basis. Hinten sollte es breiter sein, zwei Hinterradschwingen des A6 haben. Zwischenzeitlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich dafür wohl eher die Sunriderbasis nutzen werde. Aber erstmal wird jetzt der Sunrider weiterentwickelt. Wenn das erfolgreich ist, habe ich wieder Zeit und die finanziellen Mittel für das nächste Modell. Vielleicht dann eben ein Vierrad. Das Konzept sieht ein innen und außen schön verarbeitetes Sunrider-ähnliches Velomobil vor, das eine Elektro-Unterstützung hat. Für ein schönes Vierrad gibt es meiner Meinung nach einen großen Markt. Aber schreib’ bitte, dass die Leser das nicht in den nächsten 1-2 Jahren erwarten sollen!!

BentBlog: Das Alleweder war der Vorfahr einer ganzen Reihe von aktuellen Velomobil-Modellen, wie Quest, Mango, Strada, Leiba X-Stream und ähnlichen Kopf-draußen Velomobilen. Diese, aber auch die Nachfolge-Alleweder (A6, A7) sind Kunststoffversionen. Hat das Aluminium-VM A4 da noch eine Chance am Markt?

Leo: Ja ich denke schon! Bis heute ist es mein bestverkauftes VM. Dafür gibt es mehrere unterschiedlich wichtige Gründe: Es ist günstig, es macht Freude, es selbst zu bauen und man hat dann nicht nur ein Rad sondern beim Zusammenbau auch noch was gelernt. Leute, die solch ein VM bauen, bauen auch ihre neue Küche oder ein Kanu selbst. Sie suchen Herausforderungen. Ihnen macht es Spaß, das Rad zu bauen und das VM gibt es als Bonus dazu. Außerdem haben sie die Sicherheit, es auch selbst unterhalten zu können. In Ländern, in denen Velomobile nicht so bekannt sind, möchten viele Kunden ein überschaubareres Risiko eingehen und sind eher bereit 3000 als 6000 Euro auszugeben. Die Niederlande sind in dieser Hinsicht kein guter Markt für das A4, eher schon Norwegen, Australien oder die USA. Weil der Bausatz so gut geht, kommt nun der A8-Alu-Bausatz

BentBlog: Das Alleweder hat mal den Titel 365-dagen-fiets gewonnen. Ist der Wetterschutz heute noch die wichtigste Eigenschaft eines Alleweders?

Leo: Ja, aber ich denke, das kann man über alle VM sagen.

BentBlog: Was ist an heutigen Allewedern besser als am damaligen 365-Tage-Rad?`

Leo: Alles ist geändert. Meines ist gut zu produzieren und zu verschicken. Der Bausatz verteilt sich auf 3 Pakete die mit der Post viel günstiger verschickt werden können als ein ganzer VM-Korpus, der als Sperrgut verschickt werden müsste. So kann ich den Bausatz auch zum Beispiel nach Australien schicken.

BentBlog: Dietrich, Akkurad.com ist nicht nur ein wichtiger Vertriebspartner für Alligt, sondern steuert auch sein Know-How in Sachen E-Mobilität bei. Viele Alleweder werden mit einem Elektroantrieb von Akkurad verkauft. Weil man ohne Motor nicht weit kommt?

Dietrich: Nein, das ist sicherlich die falsche Antwort.
Sportliche und kräftige Fahrer sind in der Lage, mit dem Alleweder mehrere hundert Kilometer am Tag zu fahren, mein Sohn ist mit unserem Alleweder 4 ohne Training auf der „Cycle Vision“ 42 km in einer Stunde gefahren. Die einzige Abweichung vom Serienfahrzeug waren Slick-Reifen mit 8 bar. Der Elektroantrieb dient dazu, den Einsatzbereich zu erweitern: Auch weniger starke Personen sind jetzt in der Lage, täglich weite Strecken zu fahren und Bergstrecken zu bewältigen. Auf dem Weg zur Arbeit ist es für viele Leute wichtig, nicht verschwitzt beim Arbeitgeber anzukommen, da meist keine Dusche zur Verfügung steht, dieses Argument gilt natürlich auch für den Supersportler.

Velomobile ohne Motor sind eben nur schnell, wenn der Fahrer in der Lage ist, eine Mindestkraft auf die Pedale zu bringen. Die menschliche Leistungskraft ist jedoch extrem unterschiedlich, nach meiner Einschätzung zwischen 60 und 800 Watt.

Ich bin jetzt 62 Jahre alt und „bringe“ über längere Strecken etwa 120 Watt. Mit dieser Leistung wird man dann auch an kleineren Bergen extrem langsam. Auf Kreuzotter.de werden Geschwindigkeit unterschiedlicher Fahrräder bei verschiedener Antriebsleistung angegeben.
Mit 100 Watt Antriebsleistung werden mit einem Hollandrad knapp 20 km/h angegeben, mit dem Quest 33 km/h. Diese Werte gelten allerdings nur für die Ebene und bei langem Anlauf.
Trägt man beim Rechner 5 % Steigung ein, fährt das Quest bei einem 90 kg schweren Fahrer, der 150 Watt auf die Pedale bringt noch 8 km/h, bei 10 % Steigung noch 4 km/h. Wenn ich dann bergauf von einem Hollandrad überholt werde, bekomme ich wirklich schlechte Laune.

Viele von unseren Kunden sind aber ältere Leute, die eher das Geld haben, Velomobile zu kaufen. Wir wollen unsere CO2-armen Fahrzeuge eben nicht nur an die kleine Gruppe der Supersportler verkaufen, sondern an alle Bevölkerungsschichten. Wir wollen die Leute aus dem Auto holen, nicht nur vom Fahrrad. Wir wollen sparsamste Verkehrsmittel verkaufen und keine Sportgeräte.

Die kurze Antwort lautet, seitdem ich mit Elektrounterstützung fahre, fahre ich „schneller, weiter und öfter“ und im Alltag deutlich weitere Strecken, außerdem öfter, weil der innere Schweinehund sich nicht mehr meldet. Ich bin in den letzten 20 Jahren ca. 100.000 km mit dem Elektro-Velomobil gefahren, ohne Elektroantrieb wären es deutlich weniger gewesen, weil ich eben kein Spitzensportler bin.

BentBlog: Es gibt eine 250W Pedelec-Version und eine 45km/h-Version mit deutscher Verkehrszulassung. Für welche Anwendung eignet sich welches Modell, worin unterscheiden sich die Fahrzeuge noch, außer in der Motorisierung?

Dietrich: Wir haben mittlerweile 9 Typen von Elektro-Allewedern:

  • Alleweder 4 mit zulassungsfreiem 250 Watt Tretkurbelantrieb.
  • Alleweder 4 mit zulassungsfreiem 250 Watt Radnabenantrieb
  • Alleweder 4 mit zulassungspflichtigem 500 Watt Tretkurbelantrieb bis 45 km/h + human Power
  • Alleweder 6 mit zulassungsfreiem 250 Watt Tretkurbelantrieb
  • Alleweder 6 mit zulassungsfreiem 250 Watt Radnabenantrieb
  • Alleweder 6 mit zulassungspflichtigem 500 Watt Tretkurbelantrieb bis 45 km/h + human Power
  • Alleweder 6 mit zulassungspflichtigem 600 Watt Radnabenantrieb bis 44 km/h
  • Alleweder 7 mit zulassungsfreiem Radnabenmotor
  • Alleweder 7 mit zulassungsfreiem Tretkurbelantrieb

Das Alleweder 7 ist eher für sportliche Leute gedacht, die ohne Motor oder mit zulassungsfreiem 250 Watt-Hilfsantrieb fahren. Durch die kleinere Stirnfläche ist die Aerodynamik noch etwas besser als die des AW 6.
Das AW 6 hat einen größeren und tieferen Einstiegsbereich, damit kann im Sommer mehr warme Luft entweichen und das Ein- und Aussteigen ist einfacher. Vor allem in der schnellen Motorversion merkt man die etwas bessere Straßenlage. Die Spur ist etwas breiter.
Das Alleweder 4 ist für Leute mit Liebe zum Baustoff Aluminium und auch für Selbstbauer gedacht. Es ist ca. 1000 € preiswerter als AW 6 und 7, als Bausatz bekommet man das Alleweder 4 ab 2845 €.

BentBlog: Ihr habt gemeinsam die Kunststoff-Modelle A6 und A7 weiterentwickelt. Welchen Anteil haben denn die „alten“ Aluminium-Versionen noch am Gesamtverkauf?

Dietrich: Wenn ich mir die verkauften Fahrzeuge in den deutschsprachigen Ländern den letzten 3 Jahren ansehe, haben wir immer noch 60 % Alleweder 4 aus Aluminium verkauft. Wo wir schon bei der Statistik sind, kann ich sagen, dass von diesen Fahrzeugen 52 % sofort mit Motor verkauft wurden, 42 % wurden als Kleinkraftrad bis 45 km/h verkauft. Bei diesen Zahlen muss aber berücksichtigen, dass viele unserer Kunden zunächst ein reines Velomobil kaufen und später den Elektroantrieb nachrüsten. Der Anteil der elektro-unterstützten Velomobile wird bei unseren Fahrzeugen bei ca. 70 % liegen.

Leo: Im Moment verkaufe ich mehr Alu-VMs. Natürlich verkaufe ich auch viele Teile, aber wenn ich jetzt nur Velomobile betrachte, verteilen sich die Verkäufe zu 60% auf das A4, 20% auf das A6, 10% auf das A7 und 10% auf WAW und Sunrider zusammen. Denn Sunrider überarbeite ich zur Zeit, damit er einfacher produziert werden kann. Ich erwarte, dass der Sunrider in etwa 1 bis 2 Jahren 50% meiner Verkäufe ausmachen wird.

BentBlog: Stichwort Sunrider: Gemeinsam vertreibt Ihr nun auch den Sunrider. Unter Velomobiel.eu kann man lesen, dass Alligt außerdem auch eine WAW-Vertretung hat. Welche Entwicklungen werden wir bei den verschiedenen Marken in den nächsten Jahren erleben?

Leo: Ich möchte nicht das WAW produzieren oder weiterenwickeln, ich verkaufe es nur. Das A8 wird dem WAW ähnlich sehen, es wird ein schnelleres VM als das A4 sein aber es wird primär eine zweite Selbstbauvariante. Der Fokus liegt nicht darauf, ein schnelles Velomobil zu bauen, das mit dem Quest oder dem WAW konkurriert. Es macht mir große Freude mit Akkurad zu kooperieren und effiziente schnell zu fahrende Velomobile zu bauen, egal ob mit Muskel- oder Motorkraft. Quest und WAW werden immer vornehmlich für Menschen interessant sein, die ausschließlich mit Muskelkraft schnell fahren wollen.

Dietrich: Ich meine, dass sich 2 Gruppen von Velomobilen herauskristallisieren: leichte, sehr aerodynamische Velomobile für den Sportler, der den Stolz hat, aus eigener Kraft sehr schnell zu sein und auf der anderen Seite vergleichsweise preiswerte Alltagsvelomobile mit Elektrounterstützung mit größerem Kofferraum, bequemen Einstieg, breiterer Spur und mehr Platz für den Fahrer.

BentBlog: Du hast es schon angesprochen Leo, schon seit einer Weile ist das neue Alleweder A8, wieder ein selbst zu nietender Bausatz aus Aluminium angekündigt. Was hat es damit auf sich?

Leo: Seit 1.5 Jahren bin ich WAW-Händler. Privat pendle ich mit einem WAW zwischen zuhause und der Firma. Die Form dieses Rades hat mich inspiriert, ich möchte sie in meiner eigenen Technik, als Bausatz anbieten. Das A4 ist wie gesagt mein meistverkauftes Rad. Nun wird es einen zweiten Bausatz geben. Einige, die ein A4 oder ein FAW gebaut haben, möchten heute einen weiteren Alu-Bausatz bauen, brauchen aber ein gutes Argument um das alte Rad wegzugeben und ein neues zu bauen. Also biete ich jetzt ein schnelleres (so weit das in Alu geht) Velomobil als Blechbausatz.

BentBlog: Es wird also eine Nummer kleiner sein als das A4. Wird man die im Alltag benötigten Dinge noch unterbringen können?

Leo: Die Stirnfläche wird so klein wie möglich aber ich muss reinpassen (ich bin 1.86 groß 90kg), die Länge ist erstmal kein Thema. Der Bausatz muss aber in Pakete verpackbar sein. Der Packraum wird größer als beim WAW sein, da ich mit einem 20“ Hinterrad arbeiten werde.

BentBlog: Wann wird denn der erste Prototyp zu sehen sein?

Leo: So schnell wie möglich! Im Moment habe ich nicht so viele Bestellungen. Ich rechne optimistisch mit Ende Januar. Hoffentlich nicht später als Ende Februar. Ich brauche nur noch ca. 80 bis 100 Stunden für die Fertigstellung des A8. Sunrider und A8 müssen eigentlich beide auf der Spezi 2012 sein. Der Sunrider hat zwar die höchste Priorität, aber die Kunststoffteile brauchen viel Zeit, so wird es wohl leider bis zum Sommer 2012 dauern.

BentBlog: Ich stelle diese folgenden Fragen fast in jedem meiner Interviews: Welche Entwicklung der letzten zehn Jahre war die wichtigste für die Entwicklung des Liegeradmarktes?

Leo: Das hängt davon ab auf welchem Niveau man schaut: Nur die VM: Der Sunrider, elektrounterstützt. Das Modell ist noch nicht perfekt produzierbar. Die Sunrider-Weiterentwicklung an der ich zurzeit arbeite wird da viel besser sein. Die Entwicklungen von Akkurad waren wichtig, um muskelbetriebene Fahrzeuge mit schöner Motorunterstützung zu versehen.

Dietrich: Meine ganz private Meinung ist, dass ein elektro-unterstützes schnelles Velomobil als Ganzjahresfahrzeug einfach mehr bietet als ein offenes Liegerad. Ich mache 90 % meiner Fahrten mit dem Elektro-Velomobil und nur 10 % mit meinem auch sehr schönen Langlieger.
Die offenen Liegedreiräder waren aber kommerziell wesentlich erfolgreicher.

BentBlog: Welche wichtigen Entwicklungen werden wir in den nächsten Jahren sehen?

Leo: Velomobile werden noch professioneller werden, Produzenten werden die Produkte verbessern, es wird mehr Varianten und auch mehr Hersteller geben.

Dietrich: Im Bereich der Elektro-Velomobile wird es stärkere Antriebe geben, die die zugelassenen 45 km/h auch noch bei 7- 8 % Steigung schaffen. Die Höchstgeschwindigkeit sollte dann trotzdem auf ca. 50 km/h begrenzt werden, da es bei höheren Geschwindigkeiten im Alltagsverkehr nach meiner Einschätzung zu gefährlich wird.

BentBlog: Welches Liegerad/Velomobil außer Euren eigenen würdet Ihr gerne besitzen und fahren?

Leo: Das, das ich in meinem Kopf habe! Ein Vierrad, mit dem ich vor Kurven nicht bremsen brauche. Mit ansprechender Bauqualität (wie der Sunrider) und Gepäckraum. Mit Elektro-Unterstützung oder mit Verbrennungsmotor. Der Verbrenner ist im Moment irgendwie Geschichte. Elektromotoren sind jetzt schon gut für Berufspendler. Aber bei 200km ist Benzin besser, finde ich. Es ist einfach praktisch, überall tanken zu können, zumal man vielleicht 0.5l auf 100km bräuchte, wenn sich ein guter Benzinmotor findet. Ich suche noch nach einem 25ccm Mopedmotor, der sauberer Verbrennt als die alten Zweitaktermotoren und für um die 500 Euro zu haben ist. Mir persönlich wäre das noch lieber als alle paar Tage den Akku zu laden. Ich möchte nicht nachdenken, nur fahren.

Dietrich: Ein Milan mit unserem Tretkurbelantrieb.

BentBlog: Vielen Dank für das Gespräch.

Leo: Danke dir auch.

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